von Norman Schmid - 4. Oktober 2021-

Umweltfreundlich in die Berge - ein Paradigmenwechsel im Bergsport?


Artikel von Norman Schmid in der Zeitschrift "Hoch hinaus" des Alpenvereins Salzburg

Umweltfreundlich in die Berge - ein Paradigmenwechsel im Bergsport?

Artikel von Norman Schmid in "Hoch hinaus", der Vereinszeitschrift des Alpenvereins Salzburg, Ausgabe Herbst 2021, S. 22-23

https://www.alpenverein.at/salzburg_wAssets/img/Service-und-Kontakt/hoch-hinaus/Hoch-Hinaus-263-web.pdf


Einleitung

Die Mobilität im Bergsport war jahrzehntelang davon geprägt, den PKW zu benutzen, um zum Berg zu kommen. Die Verwendung von Rad, Bahn und Bus kannte man nur aus der Alpinliteratur und war mehr Nostalgie und Retro-Chic denn eine ernsthafte Alternative zum Individualverkehr. Mit dem rasant gestiegenen Umweltbewusstsein ist die Mobilität beim Bergsport jedoch in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Heute stellt sich die Frage, wie man der Leidenschaft des Bergsports nachgehen und gleichzeitig die Umwelt schützen kann. Und wie dies ohne erhobenen Zeigefinger und vielleicht mit mehr Genuß und Erlebnis möglich ist. Stehen wir also vor einem Paridgmenwechsel der Mobilität des Bergsports?

Bergsport und Mobilität – eine Bestandsaufnahme

Die Mobilität ist mit knapp 27% nach dem Wohnen der größte Anteil bei den Treibhausgas-Emissionen der privaten Haushalte in Österreich (Umweltbundesamt, 2020). Zudem ist die Mobilität jener Bereich mit den größten CO2e-Zunahmen. Auch wenn selbstverständlich andere Sektoren, wie Industrie oder Landwirtschaft ihre Emissionen weiter drastisch reduzieren müssen, ist das Problem der Treibhausgas-Emissionen etwas, wofür jeder einzelne Verantwortung trägt. Zum Vergleich beträgt der CO2e-Ausstoß pro Kopf in Österreich ca. 9 Tonnen. Ein Betrag von ca. 2,4 Tonnen wird dabei durch die Mobilität verursacht. Eine Tonne entspricht dabei ca. 4900 km mit einem Mittelklasse-Benziner (ca. Bergfahrten mit 245 km in eine Richtung).

Was bedeutet eine Tonne CO2 eigentlich? Damit es etwas greifbarer wird, sind einige Vergleiche sinnvoll: 1 Tonne CO2 entspricht 500m³ (das Vomen eines Einfamilienhauses) bzw. muss eine Buche 80 Jahre wachsen, um eine Tonne CO2 aufzunehmen. Zudem darf jede Person in Österreich ab 2050 nur mehr 1 Tonne pro Jahr emittieren, soll der Temperaturanstieg auf 1,5°C begrenzt werden.

Paradigmenwechsel nachhaltiger Bergsport

Wie kann ein Paradigmenwechsel zu einem nachhaltigen Bergsport aussehen? Darunter ist ein Maßnahmenbündel von Ansätzen zu verstehen, das Mobilität mit Öffis, Ausrüstung mit Öko-Label, regionale und ökologische Ernährung (mit Fleischreduktion), Hütten mit Umweltgütesiegel und Energie-Einsparung umfasst, um die wichtigsten zu nennen. Wenn wir diese Aspekte betrachten, fällt auf, dass die meisten davon mit unseren Verhaltensweisen zu tun haben. Diese haben wir selbst in der Hand, was den Vorteil hat, dass wir damit sofort beginnen können.

Wie kann dieser nachhaltige Bergsport erreicht werden? Grundsätzlich ist hier ein Wollen einem Müssen vorzuziehen. Wie man aus der Psychologie der Motivation weiß, sind Belohnungen und Genuß wirksamer als Bestrafungen. Insofern gilt es, die positiven Aspekte von Umweltschutz und Nachhaltigkeit hervorzuheben, um Lust auf einen „grünen“ Lebensstil zu machen. Dies umfasst so positive Zielgrößen wie Zeitwohlstand, Entschleunigung, Achtsamkeit, Sinnerleben, Solidarität und Genußfähigkeit. Vieles davon ist in den vergangenen Jahren einer rasanten Beschleunigung in allen Lebensbereichen zum Opfer gefallen. Jetzt ist es an der Zeit, dies zu hinterfragen und zum Wohl der Umwelt und von einem selbst einen neuen Lebensstil zu wählen.

Der Alpenverein Österreich geht hier mit gutem Beispiel voran. Viele Sektionen haben bereits umweltfreundliche Touren in ihr Programm aufgenommen. Dadurch sollen die Mitglieder ermuntert werden, neue Verhaltensweisen bei der Mobilität auszuprobieren und deren Vorteile hautnah zu erleben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass nach einigen Touren mit Rad, Bahn oder Bus der Vergleich sicher macht, und es zunehmend ungewöhnlich und auch befremdlich anmutet, bei weiter entfernten Touren mit dem PKW unterwegs zu sein. Auf diese Weise kann jeder einen Paradigmenwechsel herbeiführen, zum Vorteil für die Umwelt und für sich selbst.

Autor:
Dr. Norman Schmid ist Tourenführer und Naturschutzreferent des Alpenvereins St. Pölten, Gesundheitspsychologe und Organisationsberater für Work-Life-Balance und Nachhaltigkeit. www.oekocoaching.at und www.worklifebalance.at