-

Klimaaktivismus aus psychologischer Sicht


Interview in ORF Studio 2
12.1.2023

Umweltpsychologe Norman Schmid über Klimaaktivist:innen

Seit Montag gibt es in Wien jeden Tag Straßenblockaden der Klimaaktivisten „Letzte Generation“. Die Polizei ist deshalb im Großeinsatz. Die illegalen Proteste, bei denen sich Umweltschützer auf der Straße festkleben, polarisieren sehr. Vor wenigen Tagen haben namhafte Wissenschafterinnen zum Teil Verständnis für den Protest gezeigt, denn Österreich hinkt bei den Klimaschutzmaßnahmen hinterher. Sehr vielen Menschen gehen die Aktionen aber zu weit und sie empfinden die Klebeaktionen als kontraproduktiv für den Klimaschutz. Umweltpsychologe Norman Schmid befasst sich sehr viel mit den Beweggründen für ökologisches Handeln und geht der Frage nach, wie der Konflikt gelöst werden kann.
(Quelle ORF)

Stream unter: https://tvthek.orf.at/profile/Studio-2/13890037/Studio-2/14163795/Umweltpsychologe-Norman-Schmid-ueber-Klimaaktivisten/15312981

Konflikt Klimaaktivismus

Durch die Aktivist:innen der Letzen Generation wird der Konflikt zwischen den Regierungen (Bund, Länder) und den Klima- und Umweltschüter:innen aufgezeigt. Die einen betonen, wichtige Schritte zur Dekarbonisierung zu setzen, für die anderen ist dies unzureichend und nicht geeignet, um die Klimakrise abzumildern.

Auf der Seite der Bürger:innen werden die Straßenblockaden als Schikane empfunden. Der Weg in die Arbeit wird erschwert, manche Personen aus ländlichen Gebieten können nicht einfach auf öffentlichen Verkehr umsteigen, andere haben bereits auf E-Mobilität umgestellt. Die Politik reagiert mit Widerstand, wird sie doch in ihrem (nicht)-Handeln direkt kritisiert. 

Die Klimaaktivist:innen beziehen sich auf die Daten der Wissenschaft und auch die Berichte von angesehenen Institutionen, wie dem Rechnungshof. Demnach verfehlte Österreich wiederholt die eigenen Klimaziele. Im Ranking des Climate Change Performance Index von Germanwatch 2023 betreffend der notwendigen Klima-Maßnahmen liegt Österreich auf dem 32. Platz. Das ist zwar eine Verbesserung zum vorangegangenen Jahr, jedoch liegt Österreich damit nur im Mittelfeld, hinter Kroatien und Mexico. Die Treibhausgas-Emissionen sind immer noch deutlich zu hoch. 

Der Rechnungshof kritisiert, dass der Klimaschutz in Österreich nicht zentral koordiniert wird und durch den Föderalismus die Umsetzung von Maßnahmen deutlich erschwert wird. Zudem drohen Kompensationszahlungen bis zu 9 Milliarden Euro, wenn die EU-Klimaziele nicht erreicht werden.

Konflikt-Lösungen für eine nachhaltige Transformation

Der Konflikt um die Klimaschützer-Aktionen kann genauso gelöst wird, wie auch andere Konflikte. Es braucht dazu mehr Kommunikation, zuhören und sich in den anderen hineinzuversetzen. Ein Perspektivenwechsel ist oftmals hilfreich. Was bewegt die anderen dazu, sich so zu verhalten. Was sind die Beweggründe, die Ängste, die damit verbunden sind?

Und entscheident ist, rasche Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase und des Biodiversitäts-Verlustes zu setzen. Dazu zählen vor allem die Reduktion des Energieverbrauches, raschere Umstellung auf erneuerbare Energieträger und die Reduktion des Ressourcenverbrauches. Das ist auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll und zukunftsweisend.

Die Forderung von Tempo 100/80 auf Autobahnen und Landstraßen ist auch aus wissenschaftlicher Sicht geprüfft. Das Umweltbundesamt Östrreich hat errechnet, dass dies zu einer Reduktion der Treibhausgas-Emissionen von 25% und einer Reduktion von Luftschadstoffen um 33% (PM10, Feinstaub) bzw. 50% (NOx, Stickoxide) führen würde. Die Reduktion des Verkehrslärms durch Autobahnen ist vergleichbar einer Halbierung der Verkehrsmenge. 

Der zusätzliche Zeitwaufwand wäre gering, was durch Studien belegt ist. Ein eigenes Verhaltensexperiment mit PKW-Fahrten von St. Pölten-Land nach Wien hat je nach Verkehrslage einen zusätzlichen Zeitaufwand durch 100 kmh statt 130 kmh von 1-2 Minuten ergeben. 
Als weitere Vorteile werden eine Reduktion des Spritverbrauches (bis 25%) und erhöhte Verkehrssicherheit ins Treffen geführt. 

In der öffentlichen Debatte werden die positiven Effekte der raschen Treibhausgas-Reduktionen zu wenig erörtert. Wenn die Bevölkerung noch besser über die zahlreichen Vorteile (und geringen Nachteile) von beispielsweise neuen Tempolimits informiert wird, dann kann auch von einer noch größeren Zustimmung ausgegangen werden. 

Es sind daher verstärkt alltagsnahe Informationen und einfache Handlungsanleitungen wichtig. Je leichter das umweltfreundliche Verhalten umgesetzt werden kann, umso eher wird dies auch ausgeführt.

Wie man an den Konflikten rund um die Klimakrise sieht, sind technologische und rechtliche Maßnahmen zwar notwendig, aber alleine nicht ausreichend. Es ist eine stärkere Einbindung der Sozialwissenschaften, wie Psychologie und Soziologie, erforderlich, damit Lösungen entwickelt und so kommuniziert werden können, damit alle Beteiligten einbezogen werden können. Schließlich geht es darum, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen und auf den Weg zur nachhaltigen Transformation gemeinsam zu gehen. 

verfasst von Norman Schmid, 14.1.2023

Quellen:

ORF Stiudio 2 https://tvthek.orf.at/profile/Studio-2/13890037/Studio-2/14163795/Umweltpsychologe-Norman-Schmid-ueber-Klimaaktivisten/15312981

Letzte Generation https://letztegeneration.at/forderungen

Germanwatch (2023). Climate Change Performance Index. https://ccpi.org/

Rechnungshof Österreich (16.4.2021). Klimaschutz wird in Österreich nicht zentral koordiniert. https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/news/Klimaschutz_wird_in_Oesterreich_nicht_zentral_koordiniert.html

Umweltbundesamt Österreich. Niedrigere Geschwindkeit spart Energie und schont die Umwelt. https://www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/mobilitaet/mobilitaetsdaten/tempo

VCÖ Factsheet: Tempo-Reduktion im Verkehr bring vielfachen Nutzen. https://vcoe.at/publikationen/vcoe-factsheets/detail/vcoe-factsheet-tempo-reduktion-im-verkehr-bringt-vielfachen-nutzen