von Norman Schmid - 15.10.2022-

Less is more. How degrowth will save the world.


von Jason Hickel

Buchrezension

Die Wissenschaft ignorieren oder die Weltsicht ändern.

Less is more ist ein Weckruf, um unser aktuelles Gesellschafts- und Wirtschaftsystem zu überdenken und ein Aufruf für eine nachhaltige Zukunft. Jason Hickel, ein Wirtschafts-Anthropologe, beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven, welche menschlichen Entwicklungen für die Klima- und Umweltkrise verantwortlich sind. Er geht auf den Aufstieg des Kapitalismus mit all seinen Folgen ein, spürt der Frage nach, ob uns Technik retten wird und zeigt Wege für ein gutes und umweltverträgliches Leben auf. Ein spannendes Buch, das neue Perspektiven eröffnet!

Willkommen zum Anthropozän

Als Anthropozän wird die aktuelle geochronologische Epoche genannt, das Zeitalter, in dem der Mensch der wichtigste Einflussfaktor für biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde ist. Die Folgen sind auf vielfältigste Weise besorgniserregend. Die planetaren Grenzen, jene Grenzen, die für ein ökologisches Gleichgewicht eingehalten werden müssen, sind in verschiedensten Bereichen bereits überschritten. Ein deutliches Überschreiten dieser Grenzen ist beispielsweise im Bereich der Biodiversität vorhanden. 2017 haben deutsche Forscher entdeckt, dass eine massive Reduktion von Insekten vorhanden ist, mit einem Rückgang von 9% pro Jahr. 10% der Insektenspezies sind vom Aussterben bedroht. Im Jahr 2020 wurde eine „Warnung für die Menschheit“ wegen des Insektensterbens publiziert. „With insect extinctions, we lose much more than species, they wrote. We lose large parts of the tree of life, and such losses lead to the decline of key ecosystem services on which humanity depends.“ (S. 3-4). Man kann es zusammenfassen: Ohne Insekten gibt es auch für die Menschen kein Leben auf der Erde.

Das Massensterben ist jedoch nicht auf Insekten beschränkt, sondern betrifft zahlreiche andere tierische Lebewesen und Pflanzen. Die Folgen der Zerstörung der Ökosystem sind dramatisch, wobei das gesamte Ausmaß der Effekte wegen der Komplexität der Ökosystems nicht umfassend abgeschätzt werden kann. Die Menschheit täte gut daran, mit den natürlichen Ressourcen sorgsamer umzugehen. Schließlich betrifft der Naturschutz nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern am Ende der Nahrungskette auch den Menschen.

Wissenschaft und Gewohnheit

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen stellen die vorherrschende Weltsicht und Lebensweise manchmal auf die Probe. Wir befinden uns aktuell an so einem Punkt. Hickel weist darauf hin, dass wir in diesem Fall die Wahl haben. Entweder wir ignorieren die Wissenschaft, oder wir ändern unsere Weltsicht und Lebensweise. Als Charles Darwin erstmals die Evolutionstheorie publizierte, wurde er nicht ernst genommen und abgelehnt. Schließlich hat sich diese Theorie dennoch durchgesetzt und nicht nur zu einem besseren Verständnis der Lebewesen geführt, sondern auch die Weltsicht radikal verändert. Was zu Beginn als Kränkung des Menschen empfunden wurde, hat zu zahlreichen Fortschritten für die Menschheit geführt. Mit der Klimakrise stehen wir an einem vergleichbaren Scheideweg.

Degrowth und Wohlstand

Der Zusammenhang mit ständigem Wirtschaftswachstum, steigenden Treibhausgas-Emissionen und Ressourcenausbeutung ist vielfach bestätigt. Jene Länder mit dem höchsten BIP (Bruttoinlandsprodukt) haben auch die höchsten CO2-Fußabdrücke. 2018 haben 238 Wissenschafter die Europäische Union dazu aufgerufen, das BIP als Wachstumsindikator durch andere Indikatoren zu ersetzen, die nicht nur ökonomisches Wachstum erheben. Im folgenden Jahr haben 11.000 Wissenschafter von mehr als 150 Ländern einen Artikel publiziert, der die Regierungen dazu auffordert, Wohlstand durch vielfältige Aspekte, wie Gesundheit, Wohlbefinden und ökologische Stabilität zu definieren.

Jason Hickel weist darauf hin, dass die Abkehr von ständigem Wachstum nicht so dramatisch ist, wie es scheint. „Moving away from growth is not as wild as it might seem.“ (S. 27) Ab einem gewissen Punkt des BIP ist keine zusätzliche Zunahme an Wohlbefinden, Gesundheit und sozialer Stabilität vorhanden. Was jedoch zunimmt, ist die Ungleichheit in den Gesellschaften und die Kapitalvermehrung einer kleinen Minderheit, wobei jene Gruppe dadurch auch nicht glücklicher wird.

Der Autor kommt zum Schluss, dass Länder mit hohem Einkommen nicht mehr Wachstum benötigen, um das Leben der Menschen zu verbessern. „What thy need is to organise the economy around human well-being, rather than around capital accumulation.“ (S. 28) Wenn das realisiert wird, können neue Wege zur Lösung der Klimakrise beschritten werden.

Das eiserne Gesetz des Kapitals

Jason Hickel beschreibt das Gesetz des Kapitalismus als eine nette Story, die über Jahrzehnte so oft wiederholt wurde, dass es zum Standard des ökonomischen Denkens wurde. Was dieses „Gesetz“ vermittelt, ist die Notwendigkeit einer ständig steigenden Produktion und Konsumation, die nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen dient, sondern dem Ziel, mehr Profit zu erzielen. Das war über einige Zeit in Bezug auf die Umwelt wenig problematisch, da die negativen Umwelt- und Klimawirkungen kompensiert werden konnten. Mittlerweile sind die Grenzen des Wachstums jedoch längst erreicht, wie weiter oben beschreiben wurde.

Das ständig steigende Wachstum führt zu einem Teufelskreis, der mit erhöhter Produktivität, steigenden Stressbelastungen der MitarbeiterInnen und zunehmender Ressourcenausbeutung einhergeht. Damit gehen die Kosten des Profits zu Lasten von Umwelt und Menschen. Was zählt, ist nicht der Gewinn, sondern das Wachstum. „Looking at the formula above, it becomes clear that capital behaves a bit like a virus.“ Problematisch ist auch die Zielsetzung der OECD zu sehen, die das höchste mögliche Wachstum vorgibt und damit die Politik auf der ganzen Welt beeinflusst.

Die Problematik des Wachstums

Zur Darstellung der Problematik des ständigen Wachstums ist ein praktisches Gedankenspiel sehr anschaulich. Wenn man von der globalen Ökonomie im Jahr 2000 ausgeht und ein moderates Wachstum von 3% pro Jahr annimmt, bedeutet dies eine Verdopplung des ökonomischen Outputs alle 23 Jahre und eine Vervierfachung um 2050. Am Ende des Jahrhunderts wäre damit eine Steigerung um den Faktor 20 erreicht!
Damit gehen auch eine Steigerung der Ressourcenausbeutung um den Faktor 20 einher, die zur entsprechenden Steigerung von Abfallmengen führt. Selbstverständlich ist auch eine enorme Steigerung von Energieinput und Treibhausgas-Emissionen damit verbunden. Aus physikalischen Gründen sind Effizienzsteigerungen nicht im selben Ausmaß möglich, wie uns technikbegeisterte Menschen vermitteln wollen. Das ist insofern deutlich, wenn man die geringen Energie-Effizienzsteigerung der letzten Jahre berücksichtigt, die den Energiehunger in keinster Weise kompensieren können.

Geheimnisse eines guten Lebens

Der Zusammenhang zwischen ökonomischem Wachstum und einem guten Leben ist nicht so eindeutig, wie im Allgemeinen angenommen wird. Als Beispiel wird der Vergleich der USA mit Costa Rica dargestellt. Costa Rica weist eine höhere Lebenserwartung der Bevölkerung auf, obwohl das durchschnittliche Einkommen um 80% niederiger als in den USA ist. Zudem zählt Costa Rica zu den Vorreitern bezüglich eines ökologischen Wirtschaftens. „Costa Rica managed to achieve some of its most impressive gains in life expectancy during the 1980s, catching up to and surpassing the United States, during a time when its GDP per capita was not only small (one-seventh that of the US) but not growing at all.“ (S. 177) Weiters liegt Costa Rica in Bezug auf subjektives Wohlbefinden und Glücksindikatoren nicht nur deutlich vor den USA, in den USA hat das durchschnittliche Glücksempfinden in den vergangenen 50 Jahren sogar abgenommen.

Ein wichtiger Grund für Wohlbefinden, Gesundheit und soziale Harmonie sind Investitionen in Bildung, öffentliche Gesundheitssysteme, Infrastruktur und ökologisch nachhaltige Wirtschaftszweige. Zusätzlich konnte gezeigt werden, dass Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit auch glücklicher sind. „People feel they have meaningful lives when they have the opportunity to express compassion, co-operation, community and human connection.“ (S. 183) Am Beispiel der Halbinsel Nicoya in Costa Rica kann der Einfluss von Sinnhaftigkeit und Gemeinschaft auf das Glücksempfinden deutlich nachgewiesen werden. Obowohl die Bewohner von Nicoya zu den ärmsten Menschen von Costa Rica zählen, in Bezug auf Geld und Kapital, haben sie mit durchschnittlich 84 Jahren eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt und einen Glücksindex, der höher ist als in vielen der reichsten Länder der Welt.

Eine gute Entwicklung ohne grenzenloses Wachstum

Die oben dargestellten Ergebnisse sind ermutigend. Wir wissen, was für ein gutes und nachhaltiges Leben wichtig ist: öffentlich verfügbare Ressourcen, eine gute öffentliche Gesundheitsversorgung, Reduktion von Ungleichheit, freier Zugang zu Bildung, wertvolle Sozialkontakte und einen bedeutsamen Lebensinhalt, der weniger an Geld, Kapital und Materiellem orientiert ist, sondern an nicht-materiellen Werten. Gesellschaften mit mehr Gleichheit weisen einen höheren sozialen Frieden auf, sowie weniger Druck, ständig mehr zu arbeiten und zu konsumieren. „This liberates people from the treadmill of perpetual consumerism.“ (S. 185) Am Beispiel Dänemark wird aufgezeigt, dass trotz des hohen Einkommens die Menschen in Dänemark weniger Kleidung kaufen und diese länger verwenden als in anderen Ländern. Zusätzlich investieren Firmen weniger in Werbung, da diese nicht dazu führt, dass die Dänen dadurch mehr einkaufen. Dennoch ist ein hohes Wohlstandsniveau vorhanden und es geht auch den Firmen gut.
Jason Hickel fasst zusammen: „Justice is the antitode to the growht imperative – and key to solving the climate crisis.“ (S. 188)

Zusammenfassung

„Less is more“ ist ein spannendes und anregendes Buch, das den Ursachen der Klimakrise und Ungleichheit auf den Grund geht und Ansatzpunkte für ein besseres Leben für den Menschen und die Natur aufzeigt. Nach der Lektüre wird man unser Gesellschafts- und Wirtschaftsystem mit anderen Augen betrachten und sich ermutigt fühlen, erste Schritte zu einem nachhaltigeren und sozial gerechteren Leben zu gehen.

Hickel, Jason (2022). Less is more. How degrowth will save the world. Dublin: Penguin Random House.


Zusammengefasst von Norman Schmid