von Norman Schmid - 18. August 2020-

Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Club of Rome: Der große Bericht


„Die vom Menschen beherrschte Welt bietet immer noch die Chance einer prosperierenden Zukunft für alle. Das wird aber nur möglich sein, wenn wir aufhören den Planeten zu ruinieren.“


Buchrezension zu Von Weizsäcker, E. U. & Wijkman, A. (2019). „Wir sind dran. Club or Rome: Der große Bericht.“ München: Pantheon.

Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Club of Rome: Der große Bericht

„Die vom Menschen beherrschte Welt bietet immer noch die Chance einer prosperierenden Zukunft für alle. Das wird aber nur möglich sein, wenn wir aufhören den Planeten zu ruinieren. Wir sind sicher, dass dies geht, aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, wenn wir mit den Kurskorrekturen zuwarten. Denn die heutigen Trends sind überhaupt nicht nachhaltig. Die Fortsetzung des herkömmlichen Wachstums führt zu einem gewaltigen Zusammenprall mit den planetaren Grenzen.“ (aus der Einleitung)

Der aktuelle Bericht des Club of Rome anlässlich seines 50jährigen Bestehens ist ein mutiges und optimistisches Debattenbuch zum Erhalt der Menschheit, auch wenn die aktuellen Krisen in Bezug auf Klima, Ungleichheit, Wirtschaft, Finanzen, Kriegen, Hungersnöten und Pandemien (Corona-Pandemie beim Erscheinen des Buches noch nicht eingetroffen) ein düsteres Bild zeichnen.

Die Autoren sind Experten auf ihrem Gebiet und waren beide Co-Präsidenten des Club of Rome und in führenden politischen Positionen tätig. Sie belegen mit eindrucksvollen Daten die Problematik der Gegenwart mit nicht-nachhaltigen Trends und einer „verwirtten Welt“. Dabei gehen sie nicht nur auf die Klimakrise ein, sondern spannen einen umfassenden Bogen, der in unserem Lebensstil der letzten 100 Jahre die Hauptproblematik sieht. Dabei werden die Karbonisierung der Welt mit Erdöl und Erdgas, die Ressourcen-Ausbeutung, die Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft, das globale Artensterben und die Problematiken des Wirtschafts- und Finanzsystems beleuchtet.

Die Autoren fordern nichts geringeres als eine neue Aufklärung des Menschen, die zu einer ganzheitlichen, nachhaltigen Betrachtung des Lebens auf der Erde führt.

Es wird eine Balance in folgenden Bereichen vorgeschlagen:
  • Zwischen Mensch und Natur
  • Zwischen kurz- und langfristig
  • Zwischen Geschwindigkeit und Stabilität
  • Zwischen privat und öffentlich
  • Zwischen Frauen und Männern
  • Zwischen Gleichheit und Leistungsanreiz
  • Zwischen Statt und Religion

Wie die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts zu einem revolutionären Wandel in allen Lebensbereichen und steigendem Wohlstand geführt hat, könnte heute eine neue Aufklärung zu einer positiven Transformation von Gesellschaft, Privatleben, Wirtschaft und einem neuen Bezug zur Umwelt führen. Viele Irrwege der Vergangenheit könnten beendet, neue Wege gefunden werden. Beispiele gibt es dafür bereits vielfach. So wird der Leser in Teil 3 auf eine „spannende Reise zur Nachhaltigkeit“ eingeladen, die die Möglichkeiten einer regenerativen Wirtschaft, landwirtschaftliche Erfolgsgeschichten, regenerative Urbanisierung, einer neuen Wirtschaftsphilosophie und einer Reform des Finanzsystems aufzeigen.

Als zentrales Element der Transformation wird die Ablöse des BIP (Bruttoinlandsprodukt) als bisheriges Maß für Wohlstand gefordert. „Die Mängel des BIP-Wachstums als Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sind mittlerweile überall bekannt. Das BIP-Wachstum ist keine Garantie für soziale und ökologische Fortschritte.“ (S. 328) Stattdessen werden alternative Indikatoren diskutiert, wie der Genuine Process Indicator (GPI), der 25 Komponenten beinhaltet, die in Soziales, Umwelt und Wirtschaft aufgeteilt werden. Neben den Konsumausgaben und der Einkommensverteilung werden positive Indikatoren, wie Dienstleistungen oder ehrenamtliche Arbeiten, und negative Indikatoren, wie Kosten durch Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Verlust von Freizeit oder Fahrt/Pendlerkosten berücksichtigt.

Studien der vergangenen Jahrzehnte haben ergeben, dass jenseits eines bestimmten Punktes des BIP-Wachstums kein Zuwachs an Wohlstand geschweige denn Wohlbefinden vorhanden ist. In den USA war der Höhepunkt des GPI (Wohlergehens-Index) Mitte der 1970er Jahre erreicht. Weltweit gibt es trotz BIP-Wachstums seit den 1970er Jahren keine Fortschritt des Wohlergehens nach dem GPI!

Es ist somit längst überfällig, unsere Gesellschaft neu zu denken. Die Autoren sehen dabei eine starke Zivilgesellschaft als Ergänzung der Politik und Wirtschaft und führen als erfolgreiche Beispiele Bürgerversammlungen an, wie diese z.B. in Irland umgesetzt wurden. Das kann auch ein wirksames Mittel sein, um die Bürger wieder mehr in die Entscheidungen auf regionaler Ebene einzubinden.
Als Fazit werden alle Leserinnen und Leser eingeladen, sich in verschiedenster Form zu beteiligen, im privaten Bereich, in Betrieben, in der Politik und der Zivilgesellschaft.

zusammengefasst von Norman Schmid